BLUR:
13

Der Free-Jazz-Musiker Albert Ayler sagte einmal: "Our music is not longer about notes, it's about sounds." An diesem Punkt sind BLUR mit ihrer letzten CD "BLUR 13" angekommen! Alle 13 Titel sind einfach genial!








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1) TENDER

Die erste Singelauskoppelung des Albums wurde mit einem Nord-Londoner Gospelchor aufgenom-
men und strahlt einen dementsprechenden spirituellen
Vibe aus. Die fast mantrahafte Struktur erweckt den Eindruck
eines musikalischen Regentanzes:
Laß Liebe vom Himmel fallen!


2) BUGMAN

Hier zeigt sich Damon Albarn als Mark E. Smith-Stimmenimitator,
dazu schrauben sich verzerrte Fuzz-Gitarren in weltraumnahe Höhen. "Space is the place" singt Damon in hohen Falsett-Tönen.
Ein im Feedback-Bad wiedergeborener Punkrock-Song, der gute Laune macht.

3) COFFE & TV

Ein von Gitarrist Graham Coxon gesungener und geschriebener Song, von dessen unspektakulär scheinender Oberfläche man sich nicht täuschen lassen sollte. Es ist gerade hier die unprätentiöse und poppige Geradlinigkeit, die das
Stück zu einem Höhepunkt des Albums macht. Sehr schön ist
auch der leicht resignative Text.

4) SWAMP SONG

Der Titel weist bereits die Richtung an: Ein mit wilden Slide-Gitarren arrangierter Song im Blues-Schema, der gern im Mississipi-Delta
geboren wäre. Hier fligt alles durcheinander, und der Text ist insgesamt so konkret wie die
Zeile, die als Refrain zu fungieren scheint: "Give me everything".

5) 1992

Der Titel steht in keinem erkenn-
baren Zusammenhang zum Song, was noch einmal deutlich macht,
daß die Zeit der kohärente Geschichten erzählende Texte
über imaginäre Figuren endgültig vorbei ist. Statt dessen herrscht
ein höherer Abstraktionsgrad vor, der ich gerade auch in diesem
Dub-beeinflußten Stück in einem weniger kontinuierten musikali-
schen Ansatz offenbart.

6) B.L.U.R.E.M.I

Ein kurzer, prägnanter Punk-Song
mit Donald Duck als Gastsänger,
bei dem der Einsatz eines Casios
zu überraschen weiß. Steht ein
wenig im Kontrast zu den sonstigen Improvisations-Epen, wirkt aber
dabei sehr frisch. Offensichtlich beeinflußt von frühen "The Fall",
als sie noch so klangen, als hätten
sie im Mülleimer aufgenommen.

7) BATTLE

Ein melancholisches Keyboard-Thema wird in ein federndes Dub-Gerüst eingebettet, während
Damon völlig abwesend permanent den Titel wiederholt. Dazu gibt es Hall-Effekte und andere Studio-Spielereien galore ­ ein Positiv-Beispiel für die produktive Nutzung eines Studios.

8) MELLOW SONG

Noch ein sprechender Song-Titel, zumindest bis zu Hälfte, wonach
ein monotones E-Gitarren-Riff in
den Vordergrund tritt. Im Grund ein sehr versöhnliches Stück, das allerdings gleichzeitig sagt, daß
das Ziel noch nicht erreicht ist.
Der richtige Weg muß noch
gefunden werden. Damon Albarn wirkt hier sehr verletzlich und wie
in einer Phase der
Verunsicherung.

9) TRAILER PARK

Ein ursprünglich für South Park geschriebenes, aber aus unerfindlichen Gründen abgelehntes Lied, bei dem sich eine warme, sämige Keyboard-Melodie wiederum Durch relaxte Dub-Rhythmen schlängelt. Ein unerwarteter
Wechsel läßt das Stück dann als straighten Rock-Song ausklingen. Damon Albarns rätselhafteste
Lyrics ever? Zitat: "I’m a country
boy / I got no soul (...) I lost my girl
to the Rolling Stones." Klasse.

10) CARAMEL

Mehr seltsame Sounds from outer space! Das Stück ist aufgebaut
wie eine Suite, und jedes Zimmer sieht anders aus. Vielleicht ist es auch ein Labyrinth. Der Free-Jazz-Musiker Albert Ayler sagte einmal: "Our music is no longer about
notes, it’s about sounds." An
diesem Punkt sind Blur mit dieser Platte angekommen.

11) TRIMM TRABB

Startet mit sparsamster Instrumentierung, um in repetitivem Jam zu münden. Heutzutage hört
kein Blur-Stück so auf, wie es angefangen hat, doch auch ohne Pop-Melodien bleiben sie meisterhafte Song-Schmiede.

12) NO DISTANCE LEFT TO RUN

Ein sehr persönliches Lied,das man leicht auf die Trennung von Damon und Justine Frischmann beziehen kann. Hier wird aus der Seele gesungen, jede Distanz ist tatsächlich aufgehoben. Ein glaubwürdiges Trauer-Lied.

13) OPTIGAN

Live von der Kirmes nebenan ­ oder ein verfremdeter Walzer von Kurt Weill. Das einzige Instrumental der Platte, und vielleicht ein etwas einfallsloser Ausklang.

Alle Texte VISIONS 3/99